Der schönste Tanz

Welcher ist eigentlich der schönste Tanz? Das ist sicher eine Frage, auf die es vermutlich genauso viele Antworten gibt wie Tänzerinnen und Tänzer. Für die einen ist es der Wiener Walzer, weil er so wunderbar schwungvoll ist. Andere lieben die Rumba, weil sie Nähe und Gefühl ausstrahlt. Für manche darf es gar nicht genug Jive sein, schnell, fröhlich und mit einem Lächeln im Gesicht. Und wieder andere würden sofort den langsamen Walzer nennen – weil kaum ein anderer Tanz dieses Gefühl vermittelt, gemeinsam über das Parkett zu schweben.

Füße beim Tanzen

Aber vielleicht ist die Frage nach dem schönsten Tanz falsch gestellt. Denn der schönste Tanz ist nicht unbedingt der, der am schwierigsten zu tanzen ist. Es ist auch nicht zwingend der Tanz, bei dem die Füße die kompliziertesten Figuren aufs Parkett zaubern. Der schönste Tanz ist vielleicht einfach der, bei dem sich zwei Menschen für einen Moment ganz aufeinander einlassen.

Wer schon länger tanzt, kennt diese besonderen Momente, wenn plötzlich alles passt. Die Musik beginnt. Man nimmt die Tanzhaltung ein. Ein erster Schritt – und plötzlich fühlt es sich einfach richtig an. Man muss nicht mehr über die nächste Figur nachdenken. Die Schritte kommen fast von allein. Man spürt, wohin der Partner möchte, und der Partner spürt, was man selbst vorhat. In solchen Momenten wird aus einer Folge von Schritten etwas ganz anderes. Es wird ein gemeinsamer Augenblick. Und genau deshalb kann derselbe Tanz an einem Abend wunderschön sein und an einem anderen überhaupt nicht funktionieren. Vielleicht war die Musik nicht die richtige. Vielleicht war man müde. Vielleicht war der Kopf noch bei der Arbeit oder bei den Dingen, die man eigentlich längst vergessen wollte.

Und dann ganz unverhofft kommt er wieder: der eine Tanz, bei dem plötzlich alles stimmt. Vielleicht lieben wir einen Tanz deshalb, weil er etwas in uns auslöst. Der Wiener Walzer kann pure Lebensfreude sein. Dieses Drehen, der Schwung, das Gefühl, gemeinsam durch den Raum zu fliegen. Der langsame Walzer dagegen kann unglaublich romantisch wirken. Ruhig, weich und getragen von einer Musik, bei der man manchmal tatsächlich für ein paar Minuten die Welt um sich herum vergisst. Die Rumba ist für viele der Tanz der Gefühle. Langsam, intensiv und voller Ausdruck. Hier muss man nicht schnell sein. Im Gegenteil: Gerade die Ruhe schafft Raum für Nähe. Und dann ist da der Jive. Er ist vielleicht nicht der erste Tanz, der einem zum Thema Romantik einfällt. Aber wer schon einmal völlig außer Atem und gleichzeitig glücklich über das Parkett gehüpft ist, weiß: Auch Lebensfreude kann wunderschön sein.

Manchmal ist der schönste Tanz der, den man eigentlich gar nicht tanzen wollte. Auch das gehört zum Tanzen. Man hat seinen Lieblingstanz. Der Partner hat einen anderen. Im Tanzkurs steht plötzlich ein Tanz auf dem Programm, mit dem man bisher wenig anfangen konnte. “Müssen wir das wirklich machen?“ Und ein paar Wochen später stellt man fest: Gar nicht schlecht! Vielleicht wird daraus sogar ein neuer Lieblings­tanz. Denn Tanzen verändert sich mit der Zeit. Was uns mit 30 begeistert hat, muss uns mit 50 oder 60 nicht mehr genauso gefallen. Unsere Ansprüche verändern sich. Unser Körper verändert sich. Und auch das, was wir beim Tanzen suchen, kann sich verändern. Irgendwann geht es vielleicht weniger darum, möglichst viele Figuren zu beherrschen. Dafür wird das Gefühl wichtiger, sich mit dem Partner gemeinsam zur Musik zu bewegen.

Wenn man Tänzerinnen und Tänzer fragt, welcher ihr schönster Tanz war, bekommt man deshalb wahrscheinlich selten eine eindeutige Antwort. Vielleicht war es der erste Tanz mit dem Menschen, den man liebt. Vielleicht der Hochzeitstanz. Vielleicht ein Tanz nach einem Streit, bei dem plötzlich wieder alles gut war. Vielleicht der Tanz, bei dem man nach Monaten des Übens endlich eine schwierige Figur geschafft hat. Oder vielleicht einfach ein ganz gewöhnlicher Mittwochabend im Tanzkurs, an dem die Musik stimmte, der Raum voll war und man nach dem letzten Takt dachte: „Das war jetzt echt schön.“

Paartanz romatisch

Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis. Der schönste Tanz ist nicht unbedingt der perfekte Tanz. Der schönste Tanz ist der, bei dem man für einen kurzen Moment vergisst, dass man überhaupt tanzt. Man hört die Musik. Man spürt den anderen. Man bewegt sich gemeinsam. Und plötzlich braucht es keine Worte mehr. Vielleicht ist genau das der schönste Tanz von allen.

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